Pressebericht Badische Zeitung – Fasnacht 2019

Massenhaft Schnoogestiche

Stichhaltige Attacken gegen die oberen Tausend Neuenburgs und die „Nachbarn aus dem Osten“ gab’s von der Narrenzunft D’Rhiischnooge bei ihren Zunftabenden.

 

NEUENBURG AM RHEIN. So frech waren die Rhiischnoogen noch nie: Die närrische Truppe um Zunftmeister Tobias Anlicker stupfte Bürgermeister, Gemeinderäte und natürlich die Narrenfreunde aus Müllheim bei ihren Zunftabenden heftig. Fast vier Stunden bohrte sich der Stachel der Rhiischnooge-Bühnenakteure mit viel Wortwitz unaufhaltsam in die närrischen Seelen der Besucher. Die Reaktion: Die Lachmuskeln wurden ständig strapaziert.

Wir schreiben das Jahr zwei, seit Zunftmeister Tobias Anlicker die Führung von seinem Amtsvorgänger Jürgen Schäfer übernommen hat und mit einer deutlich verjüngten Truppe närrische Akzente setzt, die sowohl Zunftabendbesucher als auch die Kritiker schon im ersten Jahr zu Superlativen bei der Bewertung herausforderten. Dass das alles sogar noch steigerungsfähig ist, bewiesen die Bühnenakteure in diesem Jahr. Noch nie waren die Rhiischnooge so gut, und sie setzten massenhaft Schnoogestiche gegen die oberen Tausend der Zähringerstadt. Und natürlich gab’s stichhaltige Attacken auf die „Nachbarn aus dem Osten“, die Zunftkollegen der Müllemer Hudelis. Eine erste Kostprobe gaben Tobias Anlicker und Stefan Blust, der beim zweiten Zunftabend als Hudeli mit dem Neuenburger Zunftchef in die Bütt zur Begrüßung stieg. Beim ersten Abend hatte die Müllheimer Oberzunftmeisterin Monia Karle die Rolle übernommen und musste angesichts der abgesagten Hudeli-Abende einigen Spott einstecken – der Saal tobte und war auf ausgelassenem Humor-Kurs. „Liebe enttäuschte Müllheimer, wir haben noch genügend Kapazitäten, um Euch in Mülle ebbis uf d’Beine z’stelle“, bot Anlicker mit einem Augenzwinkern den Hudelis an.

Schon bei diesem Wortgefecht zwischen Chef-Rhiischnoog und Hudeli waren die Lachmuskeln gefordert. Da hatten es Doris Reese und Simone Moos nicht schwer, die anschließende Moderation zu übernehmen. Urgewächse der Neuenburger Fasnacht sind die beiden Obernarren Elfriede Hüttlin und Markus Weber, die mit einem frechen Zwiegespräch und tollen Gesangsbeiträgen hart mit der Entwicklung Neuenburgs von einer schönen zu einer mit Löchern und Schäden übersäten Stadt ins Gericht gingen und Bürgermeister Joachim Schuster ordentlich die Leviten lasen. Ob es um die „Tabakstraße“ (Schlüssel- und Müllheimer Straße) ging oder das geheimnisvolle, bisher verhüllte Bauwerk – es soll sich um den neuen Glockenturm fürs Rathausglöckchen handeln – die beiden Obernarren fanden die richtigen, frechen Schlussfolgerungen. Und natürlich durfte auch in dieser wie in vielen anderen Bühnennummern der durchaus schadenfreudige Seitenhieb auf die abgesagten Zunftabende der Müllemer Hudelis nicht fehlen.

 

Der Nachwuchs zeigt sein Potenzial

Für Elfriede Hüttlin war es das Finale ihrer fasnächtlichen Bühnenkarriere. Sie wurde mit stehenden Ovationen verabschiedet (die BZ berichtet gesondert). Mit den jungen Gardemädchen Maya Hemberger, Lara und Jule Imm zeigte der Bütt-Nachwuchs sein Potenzial. Sie wussten, warum der Klemmbach zu Jahresbeginn trübes Wasser führte, denn: „Die Bürgermeister vom Sprengel standen bis zum Hals im Thermalwasser in der Cassiopeia-Therme.“ Eine Augenweide waren die Auftritte der Hoffnungsgarde (Nachwuchs) und der großen Garde, die dieses Jahr ihr 80-jähriges Bestehen feiert und in neuen Uniformen tanzte. Insgesamt 38 Mädchen in beiden Garden zeigten ihr Können. Die Große Zunftgarde legte zum sensationellen Auftritt des Vorjahres noch einmal eine Schippe drauf – und machten neben Trainerin Petra Knauf auch das Publikum ob der gezeigten Leistung glücklich.

Eigenwillige, durchaus sadistisch veranlagte Krankenschwestern – Doris Debrechan, Doris Reese und Conny Anlicker – laborierten am Patienten (verkörpert von Andreas Grether) „Stadt“ herum. Dabei fiel die Diagnose zur Freude des Publikums selbstverständlich kritisch aus. Mimik und geschliffene Dialoge sorgten für entsprechende Lachsalven. Gewohnt frech waren die drei Musiker Tobias und Stefan Anlicker und Christian Schlüter, besser bekannt als „Kronenrainbrunzer“, die tolle Texte zu eingängigen Ohrwürmern schrieben. Ein Thema war die Landesgartenschau, die mit dem Kampagnenmotto „Bleemle, oh Bleemle – sunscht hätte mer kei Problemle…“ vertont wurde. Und natürlich gab’s mit ihrem Fasnachtssong den nächsten Seitenhieb in Richtung Hudelis: Es ging um die Fähigkeit der Neuenburger, „was los zu machen“. Mit stehenden Ovationen wurde wie bei vielen weiteren Programmpunkten Zugaben gefordert. Mit tänzerischer Höchstleistung und einer Portion Situationskomik gab „Froschmariechen“ Tanja Dischinger von den Wuhrlochfröschen ein rheinisches Tanzmariechen, das sicherlich fernsehwürdig wäre. Frivole Frauenträume besangen acht Schnoogefrauen – und hatten die Fans schnell auf ihrer Seite. Dann kam der Traum der Schnoogefrauen wahrhaftig auf die Bühne: die tanzenden Schnoogemänner als französische Clochards. Applaus für die tänzerischen Fähigkeiten, die Tanja und Janina Schäfer aus den gesetzteren Herren herausgekitzelt hatten.

Den Kellermeister „mit wenig Ahnung vom Wein machen“ gab das kabarettistische Naturtalent Peter Steinbeck mit einem urkomischen Auftritt. Sein Wein, billig, sauer und von minderer Qualität, taugt wenigstens als Verhütungsmittel, erzählt er nach gefühlten zwei Dutzend Viertele. Er begründete das „Heilsaufen“, stellte die „Auslese im Nachfüllpack“ vor und plauderte aus dem Leben eines gescheiterten Kellermeisters. Keine närrische Revue ohne Tänze befreundeter Cliquen: Die Klosterkopfhexen begeisterten in folkloristischen Kostümen beispielsweise zum Lied „Kleine Schwarzwaldmarie“. Zum Finale des Abends zeigte die Schnoogejugend dann noch einen schmissigen Kostümtanz.

Die Bilanz am Ende: Die Rhiischnooge haben ihrem Publikum zwei Zunftabende beschert, die mit Sicherheit zu den Besten in der Region gehören.

 

Bilder:

Die Wuhrloch-Callas verabschiedet sich von der Bühne

Eine Ära geht zu Ende: Elfriede Hüttlin, Urgestein der Neuenburger Fasnacht, hat den närrischen Ruhestand eingereicht.

 — Obernarr Markus Weber führt Obernärrin Elfriede Hüttlin auf dem Thron durch den Umzug. Foto: Volker Münch

 

NEUENBURG AM RHEIN. In der Neuenburger Bühnenfasnacht ist beim diesjährigen Zunftabend der Narrenzunft D’Rhiischnooge (BZ vom 5. März) eine Ära zu Ende gegangen: Mit stehenden Ovationen wurde Obernärrin Elfriede Hüttlin als Bühnenakteurin in den Ruhestand verabschiedet. Die gläubige Katholikin hat ein großes Herz für die Narren und lebte selbst viele Jahrzehnte lang ihre Liebe zur Fasnacht aus.

Vielen Neuenburgern ist Elfriede Hüttlin als die „Wuhrloch-Callas“ bekannt, angelehnt an die berühmte Opernsängerin Maria Callas, die 1977 starb. Wie es zu diesem Spitznamen kam – dazu später. Zunächst zurück zum Anfang der Karriere der gebürtigen Weilerin. Bereits im Teenageralter, sie war etwa 15 Jahre alt, nahm sie Gesangsunterricht, denn Singen war ihr von Gott gegeben. Und die Verbindung mit Gott bestimmte ihr gesamtes Leben. Mit Singen allein gab sich die junge Elfriede nicht zufrieden: Sie nahm auch Klavierunterricht, lernte im Laufe der folgenden Jahre das Gitarrenspiel, und sie bringt seit vielen Jahren Kirchenorgeln zum Klingen. „Eigentlich wollte ich immer ans Theater und singen. Nur meine Eltern hielten davon nicht viel“, erinnert sich Elfriede Hüttlin an ihre Jugendzeit.

Und so begann sie eine Ausbildung zur Erzieherin und war als Praktikantin für das Singen im Kindergarten verantwortlich. Mit ihrer hohen Sopranstimme avancierte sie schnell zur tragenden Stimme im Kirchenchor. In jenen Jahren an ihrem Heimatort Weil am Rhein lernte sie auch ihren späteren Ehemann, den Zollbeamten Walter Hüttlin, kennen. Als Grenzgängerin war sie regelmäßig in die Schweiz unterwegs, um Kaffee einzukaufen. Damals musste man einen Passierschein vorlegen, der kontrolliert und abgestempelt wurde. So wurde der gebürtige Neuenburger auf sie aufmerksam, lernte sie näher kennen und lieben – und heiratete die junge Frau. „Ich kam der Liebe wegen nach Neuenburg“, erzählt Elfriede Hüttlin und lacht. Das war 1972.

Und auch hier engagierte sie sich in der Kirche und vor allen Dingen im Kirchenchor. Das bedeutet: Sie spielt seit 44 Jahre die Orgel und singt seit 55 Jahren in den Kirchenchören. Weil das Singen ihre große Passion war, hatte es sie immer gereizt, auf der Bühne zu stehen. Diese Möglichkeit bot sich, als die unvergessene Mina Kößler von der Narrenzunft D’Rhiischnooge das Gesangstalent entdeckte und zum Vorsingen einlud. Das war im Jahr 1974. Und schon hatte Elfriede Hüttlin die Bühnenrolle ihres Lebens – zumindest in der Fasnachtszeit.

Ihre wunderbare Sopranstimme zierte so manchen Auftritt in der ehemaligen Altrheinhalle am Wuhrloch. Und so entstand dann auch der Spitzname: die Wuhrloch-Callas. Das Singen allein reichte der heute 72-Jährigen auf Dauer aber nicht aus. „Ich merkte schnell, dass ich in meinen Liedern nicht jede Geschichte und jeden Gag unterbringen konnte. Ich hab’ halt nicht mein Maul halten können“, sagt sie und lacht. Am Ende hat sie bis heute 45 Vorträge geschrieben und dazu die Musik ausgesucht.

Die lebensfrohe Wahl-Neuenburgerin war aber auch nicht vor Schicksalsschlägen gefeit wie dem Tod ihres geliebten Ehegatten Walter vor zwölf Jahren. Kraft und Hoffnung schöpfte sie in ihrem Glauben und auch aus ihrem Engagement an Fasnacht. Seit zehn Jahren trat sie zusammen mit Markus Weber im Duett auf, war mit spitz formuliertem Klamauk und Gesangseinlagen verantwortlich für viele humoristische Höhepunkte.

Für ihr närrisches Engagement wurde sie bereits 1989 zur Obernärrin der Rhiischnooge ernannt und erhielt 2006 mit der Ernennung zum Narren des Verbandes eine weitere Auszeichnung des Verbandes Oberrheinischer Narrenzünfte. „Eigentlich macht es mir bis heute noch großen Spaß, aber das Alter…“ gibt sie sich nachdenklich. Tatsächlich wird Elfriede Hüttlin in wenigen Wochen 73 Jahre alt. Sie sorgte sich darum, ob sie auch in Zukunft ihre Bühnenpräsenz aufrechterhalten kann. Also entschloss sie sich dazu, den närrischen Ruhestand einzureichen.

Ganz ohne wird sie wohl nicht leben können. Deshalb merkte sie bereits wenige Tage nach ihrer Verabschiedung sicherheitshalber an, andere Akteure gerne mit ihrer Stimme noch unterstützen zu wollen. Und über die sagt sie selbst: „Die Stimme hat mir der Herrgott in die Wiege gelegt.“

 

 

Fünfte Jahreszeit endet mit Sprung durchs Feuer

 

  • In Neuenburg endete die fünfte Jahreszeit mit einem Sprung durchs Feuer unter anderem von Tobias Anlicker und Mona Kirsch. Foto: volker MÜnch

NEUEN BURG AM RHEIN (BZ). Die Fasnacht in Neuenburg und in vielen anderen Nachbargemeinden wurde in der Nacht zum Aschermittwoch verbrannt. In Neuenburg endet die fünfte Jahreszeit mit einem Sprung durchs Feuer. Der Brauch besagt, dass jeder Sprung den Narren Glück für das Kommende beschert und in einer glückseligen Fasnacht gipfelt. Begleitet von der Stadtmusik machten sich mehrere Dutzend Narren aus den verschiedenen Zünften und Cliquen gemeinsam auf zum Rathausplatz, wo die Neuenburger Hästräger von Schaulustigen erwartet wurden. Nachdem Rhiischnooge-Zunftmeister Tobias Anlicker das Ende der Fasnacht verkündete, nahmen die Burghexen die Rhiischnooge-Figur vom Narrenbaum ab und brachten sie zur Feuerstelle. Gemeinsam den Sprung wagten unter anderem Tobias Anlicker und Altstadtglunki-Chefin Mona Kirsch.

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